Zwei Fragen statt vier Schubladen
Als Forscherinnen und Forscher in den 1990er-Jahren viele verschiedene Bindungsfragebögen gemeinsam auswerteten, zeigte sich ein klares Bild: Fast alles, was diese Fragebögen messen, lässt sich auf zwei Grunddimensionen zurückführen.[1]
- Bindungsangst: Wie stark sorgst du dich, dass wichtige Menschen dich verlassen, dich nicht genug lieben oder im entscheidenden Moment nicht da sind?
- Bindungsvermeidung: Wie unwohl fühlst du dich mit emotionaler Nähe, damit, dich auf andere zu verlassen oder dich ihnen zu öffnen?
Jeder Mensch liegt irgendwo auf beiden Skalen. Die vier Bindungstypen entstehen, wenn man diese Skalen vereinfacht in „wenig“ und „viel“ teilt. Ein Fragebogen, der beide Dimensionen erfasst, ist zum Beispiel der ECR-R.[2]
Weiterführende Studien legen nahe, dass Bindung bei Erwachsenen eher kontinuierlich verteilt ist als in klar getrennten Gruppen.[4] Das ist eine wichtige Einschränkung für alle Aussagen über „Typen“: Die Übergänge sind fließend.
Die zwei Skalen als Landkarte
Man kann sich die beiden Dimensionen wie eine Landkarte vorstellen: Nach rechts nimmt die Bindungsvermeidung zu, nach oben die Bindungsangst. Daraus ergeben sich vier Bereiche, die den bekannten Bindungstypen entsprechen.[3]
| Wenig Vermeidung | Viel Vermeidung | |
|---|---|---|
| Viel Bindungsangst | Ängstlich: Nähe ist wichtig, Verlust macht Angst | Ängstlich-vermeidend: Nähe wird gewünscht und gefürchtet |
| Wenig Bindungsangst | Sicher: Nähe und Freiraum fühlen sich gut an | Vermeidend: Unabhängigkeit ist wichtiger als Nähe |
Wichtig: Die Grenzen zwischen den Feldern sind künstlich gezogen. Wer knapp über der Mitte liegt, unterscheidet sich kaum von jemandem knapp darunter.
Woran man die Skalen im Alltag erkennt
Fragebögen fragen nach Aussagen, denen man mehr oder weniger zustimmt. Ähnliche Aussagen, hier in eigenen Worten, sind zum Beispiel:
Hinweise auf Bindungsangst
- „Ich mache mir oft Sorgen, dass meine Partnerperson mich nicht wirklich liebt.“
- „Wenn ich keine Antwort bekomme, werde ich schnell unruhig.“
- „Ich brauche viel Bestätigung, dass alles in Ordnung ist.“
Hinweise auf Bindungsvermeidung
- „Es fällt mir schwer, mich auf andere zu verlassen.“
- „Wenn mir jemand sehr nahe kommt, möchte ich lieber etwas Abstand.“
- „Über meine Gefühle zu sprechen ist mir unangenehm.“
Wer vielen Aussagen der ersten Gruppe zustimmt, hat eher hohe Bindungsangst. Wer vielen der zweiten Gruppe zustimmt, eher hohe Vermeidung. Beides kann gleichzeitig zutreffen.
Bindungsangst: das Bindungssystem auf Alarm
Bei hoher Bindungsangst ist das Bindungssystem empfindlich eingestellt. Mögliche Bedrohungen der Beziehung werden schnell wahrgenommen, und es entsteht ein starker Wunsch, Nähe und Gewissheit herzustellen. Die Forschung spricht von hyperaktivierenden Strategien: Bedürfnisse werden deutlich gezeigt, damit sie nicht übersehen werden.[4]
Typisch sind Gedanken wie „Wenn er nicht antwortet, ist etwas passiert“ oder „Sie hat sicher das Interesse verloren“. Ausführlich beschreibt das der Artikel über den ängstlichen Bindungstyp.
Bindungsvermeidung: das Bindungssystem herunterregeln
Bei hoher Bindungsvermeidung wird das Bedürfnis nach Nähe eher gedämpft. Man verlässt sich lieber auf sich selbst, spricht ungern über Gefühle und schafft Abstand, wenn es eng wird. Die Forschung nennt das deaktivierende Strategien.[4]
Ein bekanntes Experiment zeigt, wie sich das auswirken kann: Paare warteten auf eine Situation, die für die Frauen beunruhigend war. Frauen mit hoher Vermeidung suchten in dieser Lage weniger Unterstützung bei ihrem Partner, je ängstlicher sie wurden. Und vermeidende Männer boten weniger Unterstützung an, je ängstlicher ihre Partnerin wirkte.[5] Gerade dann, wenn Nähe helfen könnte, wird sie also eher vermieden. Mehr dazu beim vermeidenden Bindungstyp.
Wenn beide Dimensionen hoch sind
Viele Menschen erleben sich als widersprüchlich: Sie sehnen sich nach Nähe und ziehen sich gleichzeitig zurück. Das passt zu einer Kombination aus hoher Bindungsangst und hoher Bindungsvermeidung. Kim Bartholomew und Leonard Horowitz nannten dieses Muster ängstlich-vermeidend: Man wünscht sich Nähe, erwartet aber, verletzt zu werden, und hält deshalb Abstand.[3]
Das Ergebnis kann ein Wechsel zwischen Annäherung und Rückzug sein. Für Außenstehende wirkt das manchmal unberechenbar, von innen fühlt es sich oft an wie ein ständiger Konflikt. Dieses Muster steht dem desorganisierten Bindungstyp nahe.
Typen oder fließende Übergänge?
Lange wurde diskutiert, ob es echte, klar abgegrenzte Bindungstypen gibt oder ob sich Menschen nur graduell unterscheiden. Mit speziellen statistischen Verfahren lässt sich das prüfen. Eine große Untersuchung kam zu einem eindeutigen Ergebnis: Sowohl Bindungsangst als auch Bindungsvermeidung verhalten sich wie fließende Dimensionen, nicht wie getrennte Kategorien. Das galt sowohl für die allgemeine Bindung als auch für Bindung in einzelnen Beziehungen.[6]
Was heißt das praktisch? Die Typen sind ein nützliches Bild, um Muster zu verstehen und darüber zu sprechen. Man sollte sie aber nicht zu wörtlich nehmen. Zwei Menschen mit demselben „Typ“ können sich deutlich unterscheiden, und ein Wechsel des „Typs“ kann schon durch kleine Veränderungen entstehen.
Bindung ist auch eine Eigenschaft der Beziehung
Neben einer allgemeinen Grundhaltung haben Menschen auch beziehungsspezifische Erwartungen. Mit der Mutter kann man sich anders fühlen als mit dem besten Freund, und mit der aktuellen Partnerperson anders als mit der früheren.[6] Ein Fragebogen über „Beziehungen allgemein“ liefert deshalb ein anderes Bild als einer über eine konkrete Beziehung.[4]
Welche Rolle Stress spielt
Bindungsmuster sind nicht ständig gleich stark. Sie werden vor allem dann sichtbar, wenn das Bindungssystem aktiviert ist: bei Trennungen, Konflikten, Krankheit, Unsicherheit oder großer Nähe.[4] In ruhigen Phasen können sich auch Menschen mit hohen Werten ganz entspannt fühlen.
Das erklärt, warum jemand am Anfang einer Beziehung ganz anders wirken kann als später, wenn es um Zusammenziehen oder Verbindlichkeit geht. Und es erklärt, warum dieselbe Person bei einem Streit sofort reden möchte und bei einem anderen Thema schweigt.
Was das für dich bedeutet
- Statt zu fragen „Welcher Typ bin ich?“, ist oft hilfreicher: „Wie viel Sorge um Nähe, wie viel Unbehagen mit Nähe kenne ich, und in welchen Situationen?“
- Beide Dimensionen können sich unabhängig voneinander verändern.
- Ein Online-Test kann eine Orientierung geben. Der Bindungstest auf dieser Website zeigt dir beide Dimensionen getrennt.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Bindungsangst im Alltag und in der Forschung?
Im Alltag meint „Bindungsangst“ meist Angst vor Nähe und Verpflichtung. In der Forschung heißt das Bindungsvermeidung. Bindungsangst bezeichnet dort die Sorge, verlassen oder nicht genug geliebt zu werden. Auf dieser Seite verwenden wir die Begriffe im fachlichen Sinn.
Kann man in einer Beziehung ängstlich und in einer anderen vermeidend sein?
Ja. Menschen haben eine allgemeine Tendenz, verhalten sich aber je nach Beziehung unterschiedlich. Mit einer sehr verlässlichen Person fällt Nähe oft leichter als mit einer, die selbst wenig verfügbar ist.
Kann ich in einer Beziehung ängstlich und in einer anderen vermeidend sein?
Ja, das kommt vor. Viele Menschen haben eine allgemeine Grundtendenz, reagieren aber je nach Beziehung unterschiedlich. Mit einer sehr zuverlässigen Partnerperson fühlt man sich oft sicherer als mit einer unberechenbaren.
Passt dazu
Vermeidender Bindungstyp
Unabhängigkeit steht an erster Stelle. Wird es zu nah, kommt der Impuls, auf Abstand zu gehen.
Ängstlicher Bindungstyp
Große Sehnsucht nach Nähe, verbunden mit der Sorge, nicht genug geliebt oder verlassen zu werden.
Desorganisierter Bindungstyp
Nähe wird gleichzeitig gewünscht und gefürchtet. Oft wechseln Annäherung und Rückzug.
Was ist Bindung?
Der Einstieg: woher die Bindungstheorie kommt, was sie erklärt und wie Bindung erforscht wird.
Eine Community zum Austausch über solche Themen ist geplant. Warum es sie noch nicht gibt
Quellen und weiterführende Literatur
- Brennan, K. A., Clark, C. L. & Shaver, P. R. (1998). Self-report measurement of adult romantic attachment: An integrative overview. In J. A. Simpson & W. S. Rholes (Hrsg.), Attachment Theory and Close Relationships (S. 46–76). New York: Guilford Press.
- Fraley, R. C., Waller, N. G. & Brennan, K. A. (2000). An item response theory analysis of self-report measures of adult attachment. Journal of Personality and Social Psychology, 78(2), 350–365.
- Bartholomew, K. & Horowitz, L. M. (1991). Attachment styles among young adults: A test of a four-category model. Journal of Personality and Social Psychology, 61(2), 226–244.
- Mikulincer, M. & Shaver, P. R. (2016). Attachment in Adulthood: Structure, Dynamics, and Change (2. Aufl.). New York: Guilford Press.
- Simpson, J. A., Rholes, W. S. & Nelligan, J. S. (1992). Support seeking and support giving within couples in an anxiety-provoking situation: The role of attachment styles. Journal of Personality and Social Psychology, 62(3), 434–446.
- Fraley, R. C., Hudson, N. W., Heffernan, M. E. & Segal, N. (2015). Are adult attachment styles categorical or dimensional? A taxometric analysis of general and relationship-specific attachment orientations. Journal of Personality and Social Psychology, 109(2), 354–368.