Bindung in einem Satz
Bindung ist die besondere emotionale Verbindung zu Menschen, bei denen wir Sicherheit suchen, wenn wir Angst haben, traurig oder überfordert sind. Als Kind sind das meist Eltern oder andere enge Bezugspersonen, als Erwachsene oft Partnerinnen und Partner, manchmal auch enge Freundschaften.
Bindung ist nicht dasselbe wie Zuneigung. Man kann jemanden mögen, ohne bei ihm Schutz zu suchen. Typisch für eine Bindungsbeziehung ist, dass die Nähe der Person beruhigt, eine Trennung belastet und man bei Kummer zu ihr zurückkehrt.
Woran man eine Bindungsbeziehung erkennt
Nicht jede enge Beziehung ist eine Bindungsbeziehung. Fachleute nennen vier typische Merkmale:[5]
- Nähe suchen: Man möchte in der Nähe der Person sein, besonders wenn es einem nicht gut geht.
- Sicherer Hafen: Bei Kummer, Angst oder Stress ist sie die Person, zu der man sich hinwendet und bei der man sich beruhigt.
- Trennungsschmerz: Eine längere Trennung oder gar ein Verlust ist sehr belastend.
- Sichere Basis: Das Wissen, dass sie da ist, gibt Mut, Neues auszuprobieren und die Welt zu erkunden.
Bei kleinen Kindern erfüllen meist Eltern diese Rolle. Bei Erwachsenen ist es oft die Partnerperson, manchmal auch eine sehr enge Freundin, ein Freund oder ein Geschwister.
Wie die Bindungstheorie entstand
Der britische Psychiater John Bowlby beobachtete in den 1950er-Jahren, wie stark Kinder auf Trennungen von ihren Bezugspersonen reagierten. Er deutete Bindung als angeborenes Verhaltenssystem: Wer in Gefahr die Nähe schützender Menschen sucht, hat bessere Überlebenschancen.[1] Später beschrieb er die Bezugsperson als sichere Basis, von der aus ein Kind die Welt erkundet und zu der es bei Kummer zurückkehrt.[2]
Ein zentraler Gedanke Bowlbys sind innere Arbeitsmodelle: Aus wiederholten Erfahrungen entstehen Erwartungen darüber, ob andere verfügbar sind und ob man selbst Zuwendung verdient. Diese Erwartungen laufen meist unbewusst ab und beeinflussen, wie man spätere Beziehungen erlebt.
Das Bindungssystem: ein innerer Alarm
Man kann sich das Bindungssystem wie einen inneren Alarm vorstellen. Solange man sich sicher fühlt, bleibt er ruhig. Wird man ängstlich, krank, müde oder fühlt sich bedroht, schlägt er an und erzeugt den Wunsch nach Nähe zu einer vertrauten Person. Ist Trost gefunden, beruhigt sich der Alarm wieder.[1]
Menschen unterscheiden sich darin, wie empfindlich dieser Alarm eingestellt ist und wie sie mit ihm umgehen:[8]
- Bei sicherer Bindung schlägt der Alarm an, wenn es nötig ist, und beruhigt sich wieder, wenn Unterstützung da ist.
- Bei ängstlicher Bindung ist er sehr empfindlich eingestellt und beruhigt sich schwer. Schon kleine Signale lösen Unruhe aus.
- Bei vermeidender Bindung wird der Alarm eher leise gedreht. Bedürfnisse nach Nähe werden heruntergeregelt, damit man nicht auf andere angewiesen ist.
Diese Strategien sind Anpassungen an frühere Erfahrungen. Sie sind nicht richtig oder falsch, können aber in heutigen Beziehungen hilfreich oder hinderlich sein.
Was Mary Ainsworth herausfand
Die Entwicklungspsychologin Mary Ainsworth entwickelte ein Beobachtungsverfahren, die Fremde Situation. Kleinkinder wurden in einem fremden Raum kurz von ihrer Bezugsperson getrennt und wieder mit ihr zusammengebracht. Entscheidend war, wie sie auf die Rückkehr reagierten.[3]
| Muster | Typisches Verhalten bei der Rückkehr |
|---|---|
| Sicher | Sucht Nähe, lässt sich schnell trösten, spielt weiter |
| Unsicher-vermeidend | Wirkt unbeeindruckt, wendet sich eher ab |
| Unsicher-ambivalent | Sucht Nähe und wehrt sie zugleich ab, lässt sich schwer beruhigen |
Später kam ein viertes Muster hinzu, die desorganisierte Bindung. Mehr dazu im Artikel über den desorganisierten Bindungstyp.
Was Bezugspersonen beitragen: Feinfühligkeit
Ainsworth fand einen wichtigen Unterschied zwischen den Familien: wie feinfühlig die Bezugspersonen im Alltag auf ihr Kind reagierten. Feinfühligkeit bedeutet, Signale des Kindes wahrzunehmen, sie richtig zu deuten und angemessen sowie rechtzeitig darauf einzugehen.[3]
Feinfühlig heißt nicht perfekt. Kein Elternteil erkennt jedes Bedürfnis sofort. Wichtig ist vor allem, dass Missverständnisse immer wieder aufgelöst werden und das Kind die Erfahrung macht: Wenn es mir schlecht geht, kommt in der Regel jemand.
Von Kindern zu Erwachsenen
Die Bindungstheorie beschäftigte sich zunächst nur mit Kindern. In den 1980er-Jahren gingen zwei Forschungslinien den Schritt ins Erwachsenenalter:
- Bindungsrepräsentation: Mary Main und Kolleginnen untersuchten mit einem ausführlichen Interview, wie Erwachsene über ihre eigene Kindheit sprechen. Entscheidend war weniger, was sie erlebt hatten, als wie zusammenhängend sie darüber erzählen konnten.[4]
- Romantische Bindung: Cindy Hazan und Phillip Shaver zeigten, dass sich Liebesbeziehungen Erwachsener mit ähnlichen Mustern beschreiben lassen wie die Bindung von Kindern. Sie nutzten dafür einen kurzen Fragebogen.[5]
Die beiden Ansätze messen nicht genau dasselbe, und ihre Ergebnisse hängen nur mäßig zusammen. Fachleute diskutieren bis heute, wie sie sich zueinander verhalten.[6] Wenn im Alltag von „Bindungstypen“ die Rede ist, ist fast immer die zweite Linie gemeint, also Fragebögen zu Liebesbeziehungen.
Wie stabil ist Bindung?
Frühe Erfahrungen haben Einfluss, legen aber nichts endgültig fest. Eine Metaanalyse fand von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter nur einen mäßigen Zusammenhang der Bindungssicherheit.[7] Mit anderen Worten: Es gibt Kontinuität, aber auch viel Veränderung. Spätere Beziehungen, Verluste, neue Bindungserfahrungen und Therapie spielen mit. Wie das gehen kann, beschreibt der Artikel Bindungsmuster verändern.
Eine neuere Zusammenfassung von Langzeitstudien fasst den Forschungsstand so zusammen:[9]
- Frühe Fürsorge hängt mit späterer Bindung zusammen, aber nur schwach und nicht bei allen Messmethoden gleich.
- In Kindheit und Jugend verändern sich Bindungsmuster leichter als im Erwachsenenalter.
- Frühe Erfahrungen bestimmen nicht, wie das Leben als Erwachsener verläuft.
Kurz gesagt: Die Kindheit ist ein wichtiges Kapitel, aber nicht die ganze Geschichte.
Was die Bindungstheorie nicht ist
- Keine Schuldfrage: Die Theorie beschreibt Zusammenhänge. Sie sagt nicht, dass Eltern an allem schuld sind.
- Keine Diagnose: Bindungsmuster sind keine psychischen Störungen.
- Keine vollständige Erklärung: Temperament, Kultur, Lebensumstände und andere Faktoren beeinflussen Beziehungen ebenfalls.
Wie die Forschung Bindung bei Erwachsenen heute misst, nämlich auf zwei Dimensionen statt in festen Typen, erklärt der Artikel über Bindungsangst und Bindungsvermeidung.
Häufige Fragen
Ist Bindung dasselbe wie Liebe?
Nicht ganz. Bindung beschreibt das Bedürfnis, bei Belastung die Nähe einer vertrauten Person zu suchen. In Liebesbeziehungen ist Bindung ein wichtiger Teil, daneben spielen aber auch Fürsorge, Anziehung und gemeinsame Werte eine Rolle.
Bestimmt die Kindheit, wie ich heute liebe?
Frühe Erfahrungen haben Einfluss, aber keinen festen. Die Forschung findet nur einen mäßigen Zusammenhang zwischen kindlicher und erwachsener Bindung. Spätere Beziehungen und Lebensereignisse prägen ebenfalls mit.
Haben Erwachsene nur eine Bindungsperson?
Nein. Erwachsene haben meist mehrere wichtige Bindungspersonen, etwa die Partnerperson, enge Freundinnen und Freunde oder Geschwister. In Liebesbeziehungen übernimmt die Partnerperson aber oft die zentrale Rolle.
Passt dazu
Bindungsangst und Bindungsvermeidung
Die zwei Skalen hinter den vier Typen und warum Nähe-Wunsch und Rückzug gleichzeitig auftreten können.
Sicherer Bindungstyp
Nähe fühlt sich gut an, Abstand ist kein Drama. Vertrauen fällt vergleichsweise leicht.
Bindungsmuster verändern
Was die Forschung über Veränderung weiß und welche Schritte konkret helfen können.
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Quellen und weiterführende Literatur
- Bowlby, J. (1969). Attachment and Loss. Vol. 1: Attachment. New York: Basic Books.
- Bowlby, J. (1988). A Secure Base: Parent-Child Attachment and Healthy Human Development. New York: Basic Books.
- Ainsworth, M. D. S., Blehar, M. C., Waters, E. & Wall, S. (1978). Patterns of Attachment: A Psychological Study of the Strange Situation. Hillsdale, NJ: Erlbaum.
- Main, M., Kaplan, N. & Cassidy, J. (1985). Security in infancy, childhood, and adulthood: A move to the level of representation. Monographs of the Society for Research in Child Development, 50(1–2), 66–104.
- Hazan, C. & Shaver, P. (1987). Romantic love conceptualized as an attachment process. Journal of Personality and Social Psychology, 52(3), 511–524.
- Fraley, R. C. & Shaver, P. R. (2000). Adult romantic attachment: Theoretical developments, emerging controversies, and unanswered questions. Review of General Psychology, 4(2), 132–154.
- Fraley, R. C. (2002). Attachment stability from infancy to adulthood: Meta-analysis and dynamic modeling of developmental mechanisms. Personality and Social Psychology Review, 6(2), 123–151.
- Mikulincer, M. & Shaver, P. R. (2016). Attachment in Adulthood: Structure, Dynamics, and Change (2. Aufl.). New York: Guilford Press.
- Fraley, R. C. & Roisman, G. I. (2019). The development of adult attachment styles: Four lessons. Current Opinion in Psychology, 25, 26–30.