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Bindungstypen

Verliebtheit: Was im Kopf passiert und wie lange sie hält

Verliebtheit ist ein Zustand intensiver romantischer Anziehung zu einer Person, oft verbunden mit Hochgefühl, Sehnsucht und ständigen Gedanken an sie. Die Hirnforschung zeigt Aktivität in Belohnungsregionen des Gehirns. Verliebtheit ist meist eine Phase: Sie kann in eine ruhigere, beständige Liebe übergehen.

5 Min. Lesezeit · aktualisiert am · Redaktion Bindungstypen

Was Verliebtheit ist

Verliebtheit ist ein Zustand starker romantischer Anziehung zu einer anderen Person, verbunden mit dem Wunsch nach Nähe und einer engen Beziehung. Sie kann erwidert werden oder einseitig bleiben. Die Intensität reicht von einer leichten Schwärmerei bis zu einem Zustand, der den ganzen Alltag bestimmt.[6]

Die Sozialpsychologie zählt Verliebtheit zur leidenschaftlichen Liebe: einer Form der Liebe, die mit starker emotionaler und körperlicher Erregung einhergeht. Ihr gegenüber steht die kameradschaftliche Liebe, die eher auf Vertrautheit beruht. In Robert Sternbergs Dreieckstheorie entspricht Verliebtheit einer Liebe, die vor allem aus Leidenschaft besteht. Mehr dazu unter Was ist Liebe?.

Typische Merkmale

Wer verliebt ist, erkennt sich oft in vielen dieser Punkte wieder:

  • Ständige Gedanken an die Person, auch bei der Arbeit, beim Einschlafen, beim Aufwachen.
  • Hochgefühl und Energie, wenn es gut läuft, und starke Niedergeschlagenheit bei Zurückweisung.
  • Idealisierung: Die Stärken der anderen Person stehen im Vordergrund, Schwächen werden übersehen oder liebenswert gefunden.
  • Körperliche Reaktionen: Herzklopfen, Nervosität, Appetitlosigkeit oder das berühmte Kribbeln, die „Schmetterlinge im Bauch“.
  • Große Empfindlichkeit für kleine Signale: ein Blick, eine Nachricht, ein Tonfall.

Was im Gehirn passiert

Das Belohnungssystem

Die Anthropologin Helen Fisher und ihre Kollegen untersuchten 2005 Menschen, die frisch und intensiv verliebt waren, im Hirnscanner. Wenn die Teilnehmenden ein Foto der geliebten Person sahen, waren Regionen stärker aktiv, die zum dopaminreichen Belohnungs- und Motivationssystem gehören, etwa das ventrale tegmentale Areal und der Nucleus caudatus.[2] Fisher deutete romantische Liebe daher weniger als einzelnes Gefühl, sondern als starken Antrieb, ähnlich wie Hunger oder Durst auf eine bestimmte Person gerichtet.

Die Studie war klein: 17 Personen. Ihre Ergebnisse passen aber zu weiteren Befunden und werden häufig zitiert.

Serotonin

Eine italienische Arbeitsgruppe um Donatella Marazziti fand 1999 bei frisch Verliebten Veränderungen im Serotonin-Haushalt, die denen bei Menschen mit Zwangsstörungen ähnelten. Nach einigen Monaten waren diese Veränderungen nicht mehr messbar.[3] Die Forschenden sahen darin eine mögliche Erklärung für das zwanghafte Kreisen der Gedanken um die geliebte Person.

Weitere Botenstoffe

Untersucht wurden auch andere Stoffe. Eine Studie fand bei frisch Verliebten erhöhte Werte eines Nervenwachstumsfaktors, die nach etwa einem Jahr wieder normal waren.[5] Außerdem wird das Hormon Oxytocin mit Bindung und Vertrauen in Verbindung gebracht.[6]

Wie Verliebtheit entsteht

Warum man sich gerade in diese eine Person verliebt, lässt sich nie ganz erklären. Die Forschung nennt aber einige Faktoren, die die Wahrscheinlichkeit erhöhen: gegenseitige Sympathie, körperliche Anziehung, Ähnlichkeit und häufiger Kontakt.[6]

Ein bekanntes Experiment zeigt außerdem, wie sehr die Situation mitspielt. Donald Dutton und Arthur Aron ließen 1974 Männer von einer Interviewerin ansprechen, entweder auf einer wackeligen Hängebrücke oder auf einer stabilen Brücke. Die Männer auf der Hängebrücke riefen die Frau danach häufiger an.[4] Die Forscher deuteten das so: Die Aufregung durch die Höhe wurde zum Teil als Anziehung erlebt. Das Experiment wird bis heute diskutiert, zeigt aber, dass Gefühle nicht nur von der Person abhängen, sondern auch von der Situation.

Verliebtheit und Bindung: zwei Seiten der Liebe

Forschende unterscheiden bei romantischer Liebe oft zwei Seiten. Die Verliebtheit ist aufregend, sehnsüchtig und manchmal unruhig. Die Bindung ist ruhiger, vertrauter und gibt Sicherheit. Für beide gibt es eigene Fragebögen, und es zeigte sich, dass sie sich gut voneinander unterscheiden lassen.[7]

Das ist hilfreich, um eigene Gefühle einzuordnen. Man kann jemanden sehr lieben und sich bei ihm geborgen fühlen, ohne ständig Herzklopfen zu haben. Und man kann umgekehrt sehr verliebt sein in jemanden, den man kaum kennt und dem man noch gar nicht vertraut.

Verliebtheit und Bindungsmuster

Wie Verliebtheit erlebt wird, hängt auch mit dem Bindungsmuster zusammen. In der Studie von Hazan und Shaver beschrieben ängstlich gebundene Menschen ihre Liebeserfahrungen als besonders intensiv: mit starker Sehnsucht nach Verschmelzung, ständigen Gedanken an die andere Person, großer Eifersucht und extremen Höhen und Tiefen. Vermeidend gebundene Menschen berichteten dagegen eher von Angst vor Nähe und emotionalen Schwankungen, sicher gebundene eher von Freude, Vertrauen und Freundschaft.[9]

Wer zu sehr intensiver, unruhiger Verliebtheit neigt, kann sich deshalb fragen: Fühle ich mich zu dieser Person hingezogen, weil sie mir guttut, oder weil die Unsicherheit mein Bindungssystem in Atem hält?

Limerenz: wenn Verliebtheit nicht mehr loslässt

Die Psychologin Dorothy Tennov prägte 1979 den Begriff Limerenz für eine besonders intensive, fast zwanghafte Form der Verliebtheit.[1] Typisch sind:

  • ein starkes Verlangen danach, dass die Gefühle erwidert werden,
  • aufdringliche Gedanken an die Person, die sich kaum abstellen lassen,
  • starke Stimmungsschwankungen je nach ihrem Verhalten,
  • große Empfindlichkeit für mehrdeutige Signale, die als Hoffnung oder als Zurückweisung gedeutet werden.

Interessant ist, dass Unsicherheit Limerenz verstärkt. Wenn klar ist, ob die Gefühle erwidert werden oder nicht, lässt sie meist nach.[6] Das erinnert an ein Muster, das auch beim ängstlichen Bindungstyp beschrieben wird: Unklarheit hält das Bindungssystem in Alarmbereitschaft. Limerenz ist keine anerkannte Diagnose, kann aber sehr belastend sein.

Wenn das Hochgefühl nachlässt

Das intensive Hochgefühl der Verliebtheit hält nicht ewig an. Einige der gemessenen körperlichen Veränderungen waren in Studien nach Monaten bis etwa zwei Jahren nicht mehr nachweisbar.[3] Das ist kein Zeichen dafür, dass die Liebe vorbei ist. Häufig geht Verliebtheit in eine ruhigere, vertrautere Liebe über, in der Intimität und Verbindlichkeit eine größere Rolle spielen.

Romantische Gefühle müssen dabei nicht verschwinden. Eine Auswertung von 25 Studien kam zu dem Ergebnis, dass romantische Liebe auch in langen Beziehungen bestehen kann und dann eng mit der Zufriedenheit zusammenhängt. Entscheidend war die Form: Romantische Liebe ohne zwanghafte Sorge ging mit mehr Zufriedenheit einher. Die obsessive, unruhige Seite der frühen Verliebtheit hing in langen Beziehungen dagegen mit geringerer Zufriedenheit zusammen.[8]

Für manche ist dieser Übergang verunsichernd. Wer Liebe vor allem mit dem Kribbeln verbindet, fragt sich vielleicht, ob die Gefühle noch stimmen. Hilfreich kann sein, diesen Wandel als normalen Teil vieler Beziehungen zu sehen und nicht als Verlust.

Wenn die Verliebtheit nicht erwidert wird

Unerwiderte Liebe gehört zu den schmerzhaftesten Erfahrungen. Sie kann ähnliche Gefühle auslösen wie eine Trennung, auch wenn nie eine Beziehung bestand. Was in solchen Momenten im Kopf passiert und was hilft, beschreibt der Artikel über Liebeskummer.

Häufige Fragen

Wie lange dauert Verliebtheit?

Dafür gibt es keine feste Zahl. Häufig genannt werden Zeiträume von einigen Monaten bis zu etwa zwei Jahren. Einige körperliche Veränderungen, die bei frisch Verliebten gemessen wurden, waren in Studien nach ungefähr einem bis zwei Jahren nicht mehr nachweisbar. Wie lange sich jemand verliebt fühlt, ist aber sehr individuell.

Ist Verliebtheit eine Sucht?

Nein, sie ist keine Krankheit. Die Hirnforschung zeigt aber, dass Verliebtheit Belohnungsregionen aktiviert, die auch bei anderen starken Belohnungen eine Rolle spielen. Das erklärt, warum sie sich so intensiv anfühlt und warum der Verlust so schmerzen kann.

Was ist der Unterschied zwischen Verliebtheit und Liebe?

Verliebtheit ist stark von Leidenschaft und Aufregung geprägt und richtet sich oft auf ein idealisiertes Bild der anderen Person. Liebe in einer längeren Beziehung beruht stärker auf Vertrautheit und Verbindlichkeit. Beides kann ineinander übergehen.

Kann man nach vielen Jahren noch verliebt sein?

Ja. Studien zeigen, dass manche Menschen auch nach langer Beziehung noch intensive romantische Gefühle haben. Meist ohne die quälende Unruhe vom Anfang, dafür mit mehr Vertrauen. Diese Form der romantischen Liebe hängt eng mit der Zufriedenheit in der Beziehung zusammen.

Passt dazu

  1. Was ist Liebe?

    Die wichtigsten psychologischen Modelle der Liebe: Dreieckstheorie, Liebesstile und Bindung.

  2. Ängstlicher Bindungstyp

    Große Sehnsucht nach Nähe, verbunden mit der Sorge, nicht genug geliebt oder verlassen zu werden.

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Quellen und weiterführende Literatur

  1. Tennov, D. (1979). Love and Limerence: The Experience of Being in Love. New York: Stein and Day.
  2. Fisher, H., Aron, A. & Brown, L. L. (2005). Romantic love: An fMRI study of a neural mechanism for mate choice. Journal of Comparative Neurology, 493(1), 58–62.
  3. Marazziti, D., Akiskal, H. S., Rossi, A. & Cassano, G. B. (1999). Alteration of the platelet serotonin transporter in romantic love. Psychological Medicine, 29(3), 741–745.
  4. Dutton, D. G. & Aron, A. P. (1974). Some evidence for heightened sexual attraction under conditions of high anxiety. Journal of Personality and Social Psychology, 30(4), 510–517.
  5. Emanuele, E. et al. (2006). Raised plasma nerve growth factor levels associated with early-stage romantic love. Psychoneuroendocrinology, 31(3), 288–294.
  6. Wikipedia: Verliebtheit. Zur Quelle
  7. Langeslag, S. J. E., Muris, P. & Franken, I. H. A. (2013). Measuring romantic love: Psychometric properties of the infatuation and attachment scales. Journal of Sex Research, 50(8), 739–747.
  8. Acevedo, B. P. & Aron, A. (2009). Does a long-term relationship kill romantic love? Review of General Psychology, 13(1), 59–65.
  9. Hazan, C. & Shaver, P. (1987). Romantic love conceptualized as an attachment process. Journal of Personality and Social Psychology, 52(3), 511–524.