Zum Inhalt springen
Bindungstypen

Was ist Liebe? Psychologische Theorien einfach erklärt

Liebe lässt sich nicht in einem Satz definieren, aber die Psychologie hat mehrere Modelle entwickelt, die sie verständlicher machen. Am bekanntesten ist die Dreieckstheorie von Robert Sternberg mit den Bausteinen Intimität, Leidenschaft und Verbindlichkeit. Andere Ansätze beschreiben verschiedene Liebesstile oder verstehen Liebe als Bindung. Jedes Modell beleuchtet eine andere Seite.

6 Min. Lesezeit · aktualisiert am · Redaktion Bindungstypen

Warum Liebe so schwer zu definieren ist

Liebe ist eines der ältesten Themen von Philosophie, Literatur und Religion, und trotzdem gibt es keine allgemein anerkannte Definition. Das liegt auch daran, dass das Wort sehr Verschiedenes meint: die Liebe zwischen Eltern und Kindern, zwischen Freundinnen und Freunden, die Liebe zu Gott, zur Natur oder eben die romantische Liebe zwischen Partnerinnen und Partnern.[6]

Die Psychologie beschäftigt sich vor allem mit der romantischen Liebe. Statt einer einzigen Definition hat sie mehrere Modelle entwickelt. Jedes beschreibt Liebe aus einem anderen Blickwinkel: als Zusammenspiel von Bausteinen, als persönliche Einstellung oder als Bindung zwischen zwei Menschen.

Die Dreieckstheorie von Robert Sternberg

Das bekannteste Modell stammt von dem US-amerikanischen Psychologen Robert J. Sternberg. Er beschrieb Liebe 1986 als Dreieck aus drei Komponenten.[1]

KomponenteWas sie bedeutetArt
IntimitätNähe, Vertrautheit, das Gefühl, einander zu verstehen und sich aufeinander verlassen zu könnenemotional
LeidenschaftAnziehung, Romantik, sexuelles Verlangen, das Kribbelnmotivational
VerbindlichkeitDie Entscheidung, jemanden zu lieben, und der Entschluss, die Beziehung langfristig zu erhaltenkognitiv

Acht Formen der Liebe

Je nachdem, welche Komponenten vorhanden sind, unterscheidet Sternberg acht Formen. Sie sind keine festen Kategorien, sondern helfen, verschiedene Beziehungen einzuordnen.[7]

  1. Keine Liebe: keine der drei Komponenten, zum Beispiel bei flüchtigen Bekanntschaften.
  2. Mögen: nur Intimität, typisch für Freundschaften.
  3. Verliebtheit: vor allem Leidenschaft, oft am Anfang einer Beziehung oder bei einer Schwärmerei. Mehr dazu im Artikel über Verliebtheit.
  4. Leere Liebe: nur Verbindlichkeit, etwa in langen Beziehungen, in denen Nähe und Leidenschaft verloren gegangen sind.
  5. Romantische Liebe: Intimität und Leidenschaft, aber noch ohne feste Verbindlichkeit.
  6. Kameradschaftliche Liebe: Intimität und Verbindlichkeit, häufig in langjährigen Partnerschaften, in denen die Leidenschaft nachgelassen hat.
  7. Törichte Liebe: Leidenschaft und Verbindlichkeit ohne echte Vertrautheit, etwa wenn sich zwei Menschen nach kurzer Zeit fest aneinander binden.
  8. Vollkommene Liebe: alle drei Komponenten zugleich. Sternberg sah sie als Ideal, das schwer zu erreichen und noch schwerer zu halten ist.

Was das Modell im Alltag zeigt

Das Dreieck macht verständlich, warum sich eine Beziehung über die Jahre verändern kann, ohne dass die Liebe verschwindet. Leidenschaft ist am Anfang oft besonders stark und lässt mit der Zeit nach. Intimität und Verbindlichkeit können dagegen wachsen. Viele Paare erleben genau diesen Übergang von einer leidenschaftlichen zu einer eher kameradschaftlichen Liebe.

Kritik

Kritisiert wird unter anderem, dass das Modell wichtige Aspekte gelingender Beziehungen kaum abbildet, etwa Toleranz, Fairness oder den Umgang mit Konflikten. Außerdem trennt es nicht klar zwischen romantischer und sexueller Leidenschaft.[7]

Die Liebesstile nach John Alan Lee

Einen ganz anderen Zugang wählte der kanadische Soziologe John Alan Lee. Er fragte nicht, woraus Liebe besteht, sondern wie Menschen lieben. In seinem Buch Colours of Love beschrieb er 1973 verschiedene Liebesstile und verglich sie mit den Farben eines Farbkreises: Aus drei Grundstilen lassen sich weitere mischen.[2]

StilKurz gesagt
ErosLeidenschaftliche Liebe, starke körperliche Anziehung, oft „Liebe auf den ersten Blick“
LudusSpielerische Liebe, Spaß und Abwechslung, wenig Verbindlichkeit
StorgeFreundschaftliche Liebe, die langsam aus Vertrautheit wächst
ManiaBesitzergreifende, unruhige Liebe mit viel Eifersucht und Verlustangst
PragmaVernünftige Liebe, bei der Passung und gemeinsame Ziele im Vordergrund stehen
AgapeSelbstlose, fürsorgliche Liebe, die wenig zurückerwartet

Clyde und Susan Hendrick entwickelten in den 1980er-Jahren einen Fragebogen, mit dem sich diese Stile messen lassen.[3] Wichtig ist dabei eine Einschränkung, die die Hendricks selbst betonten: Gemessen werden Einstellungen zur Liebe, keine festen Typen. Ein Mensch kann mehrere Stile in sich tragen, und der Stil kann sich je nach Beziehung und Lebensphase verändern.

Auffällig ist die Nähe einiger Stile zur Bindungsforschung: Der Stil Mania erinnert an den ängstlichen Bindungstyp, Ludus an Muster der Bindungsvermeidung.

Leidenschaftliche und kameradschaftliche Liebe

Eine einfache und viel genutzte Unterscheidung stammt von der Psychologin Elaine Hatfield und Kolleginnen:

  • Leidenschaftliche Liebe ist ein Zustand intensiver Sehnsucht nach Vereinigung mit einer anderen Person. Typisch sind Herzklopfen, ständige Gedanken an die andere Person und starke Gefühlsschwankungen zwischen Glück und Unsicherheit.[8]
  • Kameradschaftliche Liebe ist ruhiger. Sie besteht aus Zuneigung, Vertrautheit und dem Gefühl, eng miteinander verbunden zu sein.

Für leidenschaftliche Liebe entwickelten Hatfield und Susan Sprecher einen eigenen Fragebogen, der bis heute in der Forschung verwendet wird.[8] Am Anfang einer Beziehung steht meist die leidenschaftliche Liebe im Vordergrund, später gewinnt die kameradschaftliche an Gewicht. Mehr über die Anfangsphase steht im Artikel über Verliebtheit.

Bleibt die Liebe?

Viele Menschen fürchten, dass romantische Gefühle in langen Beziehungen zwangsläufig verschwinden. Die Forschung zeichnet ein freundlicheres Bild. Eine Auswertung von 25 Studien fand, dass romantische Liebe auch nach vielen Jahren bestehen kann und dann eng mit der Zufriedenheit zusammenhängt. Entscheidend ist ihre Form: Intensive Gefühle ohne zwanghafte Sorge und Unruhe gingen mit glücklicheren Beziehungen einher.[9]

Liebe als Bindung

1987 schlugen Cindy Hazan und Phillip Shaver vor, romantische Liebe als Bindungsprozess zu verstehen. Ähnlich wie Kinder bei ihren Bezugspersonen Schutz suchen, suchen Erwachsene bei ihren Partnerinnen und Partnern Nähe, Trost und Sicherheit.[4] Aus dieser Idee ist die gesamte Forschung zu Bindungstypen bei Erwachsenen entstanden, um die es auf dieser Website vor allem geht.

Der Blickwinkel der Bindung ergänzt die anderen Modelle: Er erklärt besonders gut, warum Liebe nicht nur glücklich macht, sondern auch Angst auslösen kann, nämlich die Angst, die geliebte Person zu verlieren. Mehr dazu unter Was ist Bindung?.

Liebe als Fähigkeit

Der Psychoanalytiker und Sozialphilosoph Erich Fromm vertrat in seinem Buch Die Kunst des Liebens eine Sicht, die bis heute viele Menschen anspricht: Liebe sei weniger ein Gefühl, in das man „fällt“, als eine Fähigkeit, die man entwickeln und üben kann. Dazu gehören für Fromm Fürsorge, Verantwortung, Respekt und Erkenntnis des anderen.[5]

Fromm war kein empirischer Forscher, seine Gedanken sind eher philosophisch. Sie treffen aber einen Punkt, den auch die Paarforschung bestätigt: Wie eine Beziehung gelingt, hängt stark davon ab, was beide im Alltag tun, etwa wie sie mit Konflikten umgehen. Mehr dazu unter Streit in Beziehungen.

Was Liebe im Alltag stärkt

Aus den verschiedenen Forschungslinien lassen sich einige einfache Hinweise ableiten:

  • Füreinander da sein, wenn es schwer ist: Unterstützung in schwierigen Zeiten ist einer der Kerne einer Bindungsbeziehung.
  • Einander wachsen lassen: Gute Beziehungen helfen nicht nur bei Problemen. Sie ermutigen auch, Neues zu wagen und sich weiterzuentwickeln.[10]
  • Neugierig bleiben: Gemeinsame neue Erfahrungen, Gespräche über Wünsche und Pläne halten die Beziehung lebendig.
  • Wertschätzung zeigen: Kleine Zeichen der Anerkennung im Alltag wirken oft stärker als große Gesten zu besonderen Anlässen.
  • Konflikte respektvoll austragen: Streit gehört dazu. Wichtig ist, dass er die gegenseitige Achtung nicht zerstört.

Welches Modell stimmt denn nun?

Keines allein. Die Modelle beantworten unterschiedliche Fragen:

  • Die Dreieckstheorie fragt: Woraus besteht Liebe, und wie verändert sie sich?
  • Die Liebesstile fragen: Welche Vorstellung von Liebe hat ein Mensch?
  • Die Bindungstheorie fragt: Warum suchen wir Nähe, und warum macht sie manchmal Angst?
  • Fromm fragt: Was müssen wir tun, damit Liebe gelingt?

Zusammen ergeben sie ein vielschichtiges Bild. Für das eigene Leben kann es hilfreich sein, sich zu fragen, welche Bausteine in der eigenen Beziehung gerade stark sind und welche vielleicht mehr Aufmerksamkeit brauchen.

Häufige Fragen

Gibt es eine wissenschaftliche Definition von Liebe?

Keine einheitliche. Psychologinnen und Psychologen beschreiben Liebe mit unterschiedlichen Modellen, etwa als Kombination aus Intimität, Leidenschaft und Verbindlichkeit, als Einstellung mit verschiedenen Stilen oder als Bindung. Die Modelle ergänzen sich eher, als dass sie sich widersprechen.

Ist Verliebtheit schon Liebe?

In Sternbergs Modell ist Verliebtheit eine Form der Liebe, die vor allem aus Leidenschaft besteht. Dauerhafte Liebe braucht nach diesem Modell zusätzlich Vertrautheit und eine bewusste Entscheidung füreinander.

Kann man lernen zu lieben?

Der Psychoanalytiker Erich Fromm vertrat die Ansicht, dass Lieben eine Fähigkeit ist, die man üben und entwickeln kann, und nicht nur ein Gefühl, das einem zustößt. Auch die Bindungsforschung zeigt, dass sich der Umgang mit Nähe im Laufe des Lebens verändern kann.

Ist es normal, dass sich Liebe mit der Zeit verändert?

Ja. Die meisten Beziehungen beginnen mit intensiver, leidenschaftlicher Verliebtheit, die mit der Zeit ruhiger wird. Vertrautheit, Verbindlichkeit und gemeinsame Erfahrungen gewinnen dann an Bedeutung. Das ist kein Verlust, sondern ein Wandel, den viele Paare als Vertiefung erleben.

Passt dazu

  1. Die fünf Sprachen der Liebe

    Was hinter den fünf Sprachen der Liebe steckt und was die Wissenschaft davon hält.

  2. Was ist Bindung?

    Der Einstieg: woher die Bindungstheorie kommt, was sie erklärt und wie Bindung erforscht wird.

  3. Streit in Beziehungen

    Was Paarforschung über Konflikte weiß und wie Paare fairer miteinander streiten können.

Eine Community zum Austausch über solche Themen ist geplant. Warum es sie noch nicht gibt

Quellen und weiterführende Literatur

  1. Sternberg, R. J. (1986). A triangular theory of love. Psychological Review, 93(2), 119–135.
  2. Lee, J. A. (1973). Colours of Love: An Exploration of the Ways of Loving. Toronto: New Press.
  3. Hendrick, C. & Hendrick, S. (1986). A theory and method of love. Journal of Personality and Social Psychology, 50(2), 392–402.
  4. Hazan, C. & Shaver, P. (1987). Romantic love conceptualized as an attachment process. Journal of Personality and Social Psychology, 52(3), 511–524.
  5. Fromm, E. (1956). The Art of Loving. New York: Harper & Row. Deutsche Ausgabe: Die Kunst des Liebens.
  6. Wikipedia: Liebe (Abschnitt Psychologie). Zur Quelle
  7. Wikipedia: Dreieckstheorie der Liebe. Zur Quelle
  8. Hatfield, E. & Sprecher, S. (1986). Measuring passionate love in intimate relationships. Journal of Adolescence, 9(4), 383–410.
  9. Acevedo, B. P. & Aron, A. (2009). Does a long-term relationship kill romantic love? Review of General Psychology, 13(1), 59–65.
  10. Feeney, B. C. & Collins, N. L. (2015). A new look at social support: A theoretical perspective on thriving through relationships. Personality and Social Psychology Review, 19(2), 113–147.